Patientinnen und Patienten, bei denen ein Tiefstand der Kleinhirntonsillen oder Syrinx diagnostiziert wurden, stellen in der Sprechstunde häufig dieselbe Frage: Welche körperliche Aktivität ist für meine Erkrankung geeignet und welche Sportarten sollte ich vermeiden?
Um diese Frage richtig beantworten zu können, ist eine individuelle Beurteilung jedes einzelnen Falls unerlässlich. Die Neurochirurgen berücksichtigen dabei wichtige
Faktoren wie das Alter der Patientin oder des Patienten, die Krankengeschichte, die Ausprägung der Symptome, den Grad der Selbstständigkeit sowie die bisherige
Behandlung (operativ oder konservativ).
Gibt es beim Arnold-Chiari-Syndrom absolute Einschränkungen für Sport?
Die Empfehlungen zur körperlichen Aktivität haben sich in der medizinischen Fachliteratur in den letzten Jahren weiterentwickelt. Einige Autoren weisen darauf hin,
dass „im Allgemeinen keine absolute Einschränkung für die Ausübung von Sport bei Patientinnen und Patienten mit einer Chiari-Malformation Typ I bestehen sollte, sofern sie und ihre Familien ausführlich über die möglicherweise erhöhten Risiken aufgeklärt werden." (1)
Da Sport – insbesondere Kontaktsport – grundsätzlich mit einem Verletzungsrisiko verbunden ist, empfehlen die meisten Neurologen sowie Neurochirurgen jedoch je nach klinischem Zustand der Patientin oder des Patienten bestimmte Einschränkungen.
- Patientinnen und Patienten mit Symptomen:Bei einem Arnold-Chiari Syndrom Typ I mit Kompression des Hirnstamms, Tiefstand der Kleinhirntonsillen oder Störungen der Zirkulation des Liquors (Gehirn- und Rückenmarksflüssigkeit) besteht eine absolute Kontraindikation für Kontaktsportarten, Sportarten mit Kollisionsrisiko sowie für Aktivitäten, die ein starkes Valsalva-Manöver auslösen (zum Beispiel Gewichtheben). Warnzeichen sind pulsierende Kopfschmerzen oder starke Nackenschmerzen, die beim Husten, Niesen, Bücken oder bei körperlicher Anstrengung auftreten.
- Patientinnen und Patienten ohne Symptome: Wird die Erkrankung zufällig festgestellt (Zufallsbefund) und bestätigt der Neurochirurg oder die Neurochirurgin nach den erforderlichen Untersuchungen ausdrücklich die Sporttauglichkeit, kann unter Umständen keine sportliche Einschränkung erforderlich sein. (2)
Warnzeichen: Wann sollte das Training sofort beendet werden?
Ob eine sportliche Aktivität fortgesetzt werden kann, hängt unmittelbar von der Entwicklung der Symptome ab. Achten Sie besonders auf folgende Anzeichen:
- Husten- oder belastungsbedingte Kopfschmerzen:Kopfschmerzen sind das häufigste Symptom des Arnold-Chiari Syndroms Typ I. Werden sie sehr häufig
oder besonders stark oder sprechen sie kaum noch auf Schmerzmittel an, sollte körperliche Belastung vorübergehend vollständig vermieden werden. - Schmerzen an der Wirbelsäule oder in den Gliedmaßen:Nehmen Schmerzen im Rücken, Nacken oder in Armen beziehungsweise Beinen zu, sollte die sportliche Aktivität sofort unterbrochen werden.
- Symptome einer Syringomyelie: Verstärken sich während des Sports Taubheitsgefühle, Kribbeln oder Muskelschwäche (Kraftverlust), sollte die Belastung sofort reduziert oder das Training beendet werden, um eine weitere Schädigung des Rückenmarks zu vermeiden.
Welche Sportarten sind sicher und empfehlenswert?
Neurochirurgische Fachärztinnen und Fachärzte empfehlen vor allem Sportarten, die die axiale Belastung der Wirbelsäule verringern, die Körperhaltung verbessern, die Stabilität fördern und die Rumpf- sowie Nackenmuskulatur kontrolliert stärken.
- Schwimmen: Idealerweise in Rückenlage oder mit einem Frontschnorchel, damit beim Atmen keine Überstreckung oder starke Drehung der Halswirbelsäule erforderlich ist.
- Aquafitness oder Wassergymnastik:Das Wasser reduziert die Belastung der Wirbelsäule durch die Schwerkraft.
- Regelmäßiges Gehen: In mäßigem Tempo und mit gut gedämpftem Schuhwerk, um die Belastung beim Auftreten zu verringern.
- Ergometer oder Fahrradfahren auf ebenen Strecken:Eine gute Ausdauersportart, sofern unebene Wege, Schlaglöcher oder steile Abfahrten vermieden werden.
- Therapeutisches Yoga oder medizinisches Pilates:Sanfte Übungen zur Verbesserung der Wirbelsäulenstabilität. Umkehrhaltungen sowie extreme Drehbewegungen der Hals- oder Lendenwirbelsäule sollten dabei konsequent vermieden werden.
Welche Sportarten sollten besser vermieden werden?
Grundsätzlich wird empfohlen, Sportarten zu vermeiden, die plötzliche Bewegungen im Bereich von Hinterkopf und Halswirbelsäule, Schläge gegen den Kopf, starke
Erschütterungen oder einen raschen Anstieg des Hirndrucks (Valsalva-Manöver) verursachen können.
- Schweres Krafttraining:Maximalkrafttraining, Gewichtheben oder hochintensive Trainingsformen wie CrossFit.
- Mannschaftssportarten mit Kollisionsrisiko: Fußball, Basketball, Rugby oder Handball.
- Kontaktsportarten und Kampfsport:Zum Beispiel Judo, Boxen oder Karate.
- Sportarten mit starken Erschütterungen:Intensives Laufen, Padel, Trampolinspringen, Fallschirmspringen oder Bungeespringen.
- Aktivitäten mit längerem Luftanhalten:Unterwassersportarten, die den Fluss des Liquors beeinflussen können.
Welchen Einfluss hat eine operative Behandlung auf die sportliche Aktivität?
Wurde eine Patientin oder ein Patient operiert, verändert sich die Situation hinsichtlich der sportlichen Belastbarkeit deutlich. Die mit der Erkrankung verbundenen Risiken nehmen in der Regel ab, verschwinden jedoch nicht vollständig.
Nach einer hinteren Dekompressionsoperation
Für die Rückkehr zum Sport nach einer Dekompressionskraniektomie gibt es bislang keinen einheitlichen internationalen Konsens in der Sportmedizin. Eine im Journal of
Athletic Training veröffentlichte Studie hebt folgenden wichtigen Grundsatz hervor:
„Es besteht kein Konsens darüber, wie Sportlerinnen und Sportler mit einer Chiari-I-Malformation am besten betreut werden sollten, insbesondere wenn sie nach einer
Dekompressionsoperation wieder Sport treiben möchten. Sportbetreuer sollten sich bewusst sein, dass Symptome nach der Rückkehr zum Sport erneut auftreten können, und gemeinsam mit den behandelnden Ärztinnen, Ärzten und Chirurginnen beziehungsweise Chirurgen einen geeigneten Betreuungsplan entwickeln.“ (3)
Daher sollte nach diesem Eingriff zunächst eine Fachärztin oder ein Facharzt für Rehabilitation aufgesucht werden, um vor der Wiederaufnahme sportlicher Aktivitäten
eine individuell angepasste Physiotherapie festzulegen.
Nach einer Durchtrennung des Filum terminale
Bei Patientinnen und Patienten mit Arnold-Chiari Syndrom Typ I oder idiopathischer Syringomyelie, die nach den Kriterien der Filum-Krankheit diagnostiziert wurden,
unterscheidet sich das postoperative Vorgehen. Nach einer üblichen Heilungszeit von etwa einem Monat, die für die Wundheilung erforderlich ist, kann die sportliche
Aktivität in der Regel schrittweise und unter ärztlicher Anleitung wieder aufgenommen werden. Ob zusätzlich eine physiotherapeutische Begleitung sinnvoll ist, entscheidet das spezialisierte Behandlungsteam.
Fazit
Regelmäßige körperliche Aktivität kann sowohl bei Erwachsenen als auch bei Kindern und Jugendlichen mit Arnold-Chiari-Syndrom oder Syringomyelie wesentlich zur
Verbesserung der Lebensqualität beitragen. Ausdauersport mit geringer Belastung hilft dabei, die Muskelmasse zu erhalten, die Herz-Kreislauf-Funktion zu verbessern und Muskelsteifigkeit entgegenzuwirken. Entscheidend ist, dass die sportliche Aktivität immer an die individuelle klinische Situation angepasst wird. So kann Sport einen
wichtigen Beitrag zur Gesundheit leisten, ohne zu einem zusätzlichen Risikofaktor zu werden.
Literatur
- Spencer, R., & Leach, P.(2017). Asymptomatic Chiari Type I malformation: Should patients be advised against participation in contact sports? British Journal of Neurosurgery, 31(4), 415–421. https://doi.org/10.1080/02688697.2017.1297767
- Manonelles Marqueta, P., et al.(2023). Documento de Consenso sobre Contraindicaciones para la práctica deportiva. Sociedad Española de Medicina del Deporte (SEMED).
- Turk, M. L., Schmidt, K., & McGrath, M. L. (2022). Diagnosis, Management, and Return to Sport of a 16-Year-Old Patient With a Chiari I Malformation: A Case Report and Literature Review. Journal of Athletic Training, 57(2), 177–183. doi.org